Der Lebenszyklus zählt
Es gibt Betreiber, die an dem Modell des Total Cost of Ownership (TCO) zunehmend Gefallen finden. Dabei sind die Investitionskosten von zu beschaffenden Systemen nicht mehr alleine entscheidend. Was zählt sind die Gesamtkosten der Lebenszyklen, also die Investitionskosten und die Folgekosten in Summe. Und in den Folgekosten stecken dann Energiekosten, die Kosten der betreibereigenen (!) Instandhaltung und letztlich die Entsorgungskosten der Systeme.
Mit den Instandhaltungskosten hat es nun seine besondere Bewandtnis: Um diese in den Griff zu bekommen, werden vor dem eigentlichen Systemkauf dessen Lebensdauerdaten abgefragt: Ein Hersteller muss also Auskunft geben über den zeitlichen und materiellen Instandhaltungsumfang und das Ausfallverhalten des betreffenden Systems. Ergebnis sind geplante Instandhaltungskosten, die fixiert werden für eine bestimmte Gesamtbetriebsdauer eines Systems und dessen Nutzungsdauer pro Jahr: Ein „Sollwert“, der sich in einer „vertraglich vereinbarten bzw. erlaubten Anzahl an Störungen“ für bestimmte Auswertungszeiträume manifestiert.
„TCO-Betreiber“ sehen darin eine Win-Win-Situation. Für sich selbst erwarten sie eine erhebliche Kostenreduzierung und kalkulierbare Kostenverläufe, für den Systemhersteller einen Wettbewerbsvorteil: Den hat aber in der Regel nur der Hersteller, der die Summe von Verkaufspreis und Folgekosten am niedrigsten halten kann, im Vergleich zu seinen Wettbewerbern. Dabei gilt allerdings: Es werden nur die Gesamtkosten der bewerteten Komponenten eines Systems in einen Angebotsvergleich einbezogen und nicht die Gesamtkosten des Systems. Jedenfalls gewinnt ein hochpreisiger Systemanbieter mit moderaten Folgekosten an Attraktivität. Ein niedrigpreisiger Systemanbieter mit ausufernden Folgekosten macht sich seine Verkaufschancen höchstwahrscheinlich zunichte.
Obwohl TCO-Betreiber Partnerschaft mit ihren Systemlieferanten propagieren, ist deren „Zähneknirschen“ nicht zu überhören. Doch weshalb? Jeder Störfall wird daraufhin geprüft, ob er als TCO-Störfall zu betrachten ist, und nur dieser wird den vertraglich vereinbarten Störungen zu Lasten des Herstellers gegengerechnet. Und laut Vereinbarung gehen zu Lasten des Betreibers von vornherein alle Störfälle, die durch den Betreiber selbst oder von ihm beauftragte Dritte verursacht wurden: Unterlassene oder fehlerhafte Wartung, Bedienfehler, Bauteilverwechslungen und ähnliches. Ansonsten wird jeder Störfall daraufhin untersucht, inwieweit dieser dem Betreiber oder dem Hersteller anzulasten ist: Anteilige Kosten werden ermittelt. Das klingt soweit ganz plausibel. Wäre da nicht die hoheitliche Entscheidung des Betreibers, der einen Störfall ausschließlich selbst deklariert. Mangels Nachprüfbarkeit wird ein Hersteller also immer berechtigte Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Entscheidung hegen.
Kontrolliert wird nach definierten Zeiträumen, in welchem Verhältnis die Anzahl der „vereinbarten Soll-Störungen“ zu der jeweiligen Anzahl an Ist-Störungen steht. Solange diese den „erlaubten Sollstand“ noch nicht erreicht haben, ist alles im grünen Bereich. Auch wenn die Anzahl der Ist-Störfälle größer ist als vereinbart, gibt es noch eine Toleranzgrenze. Doch wird diese überschritten, werden Störfälle dem Hersteller in Rechnung gestellt. Und wenn die Anzahl der gezählten Störfälle ihren maximalen Wert vor Ende der definierten Gesamtbetriebsdauer erreicht hat, wird es für den Hersteller erst richtig teuer. Außerdem muss er sich vorwerfen lassen, die Qualität seiner Anlage falsch eingeschätzt zu haben.
Doch so weit soll es nicht kommen. Nach dem Motto: Gut Designen ist besser als gut Reparieren versorgt der Betreiber den Systemhersteller mit „jeder Menge“ Datenmaterial. So kann dieser frühzeitig auf Abweichungen reagieren und das Systemverhalten positiv beeinflussen: Wozu er nach der TCO-Vereinbarung ohnehin verpflichtet ist. Systemhersteller versuchen allerdings durch „Condition Monitoring“ einen direkten Zugriff auf die Daten eines Systems zu erhalten, um so ihre Position in dessen Beurteilung zu stärken. Auch die Möglichkeit, an der Unterschreitung der fixierten Kostengrenze durch entsprechende Vergütung zu profitieren wird von betroffenen Systemherstellern forciert gefordert.
Die Kritik der System-Hersteller am TCO-Modell konzentriert sich nicht zuletzt auf die hohe Belastung der ständigen System-Erneuerung. Hierzu wird allerdings auch eine Neuausrichtung der „Konstruktionsabteilungen“ erwogen, die sich nicht mehr nur an den Herstellkosten der Systeme orientieren dürfen sondern von vornherein auch die Life-Cycle-Kosten einbeziehen müssen. Analog werden wohl auch die Zulieferer der Systemhersteller eine entsprechende Anpassung erfahren. Gleichwohl wird allgemein konstatiert, dass ein auf Partnerschaft ausgerichtetes Lebenszyklus Management Chancen bietet: In der Wettbewerbsdifferenzierung, der Kundenbindung und mit neuen Geschäftsmodellen.
Thematisiert auf der Konferenz für Service im Maschinen- u. Anlagenbau 2006; veranstaltet von der EUROFORUM Deutschland GmbH
